Broken Age

Das Adventure von Tim Schafer löste den ersten großen Kickstarter Hype aus. Am Ende war kaum einer so richtig begeistert. Grund genug, es trotzdem zu spielen? Ich meine, hey: Tim Schafer. Anarcho-Humor (DOTT, Psychonauts), Heavy Metal (Full Throttle, Brutal Legend) und Noir (Grim Fandango) – der Mann hat bewiesen, dass er Humor, Stil und schräge Charaktere zu launigen Spielen verbinden kann. Nun also Broken Age. Ein Coming-Of-Age Märchen? Nun gut.

Der Hype

Ich muss mit dem Hype beginnen. Da komme ich nicht vorbei. Er begann 2012. Da Tim Schafer mit seinem Unternehmen Double Fine Productions keinen Publisher für die Finanzierung eines klassischen Point & Click Adventure finden konnte, versuchte man es unter dem Arbeitstitel Double Fine Adventure über die Crowdfounding-Plattform Kickstarter. Am Ende der Kampagne am 14. März 2012 stand eine Summe von 3,3 Millionen US-Dollar bereit. So viel hatte noch kein Spiel über Kickstarter eingenommen. Die Kampagne machte sowohl Double Fine und ihr Projekt als auch die Plattform selbst bekannt. Das führte dazu, dass immer mehr Leute bereit waren, Geld in Kickstarter-Kampagnen zu pumpen und veranlasste weitere bekannte (oder aus der Versenkung auftauchende) Spieleentwickler dazu, Ihre neue Titel oder Fortsetzungen ebenfalls über Kickstarter zu finanzieren.

Der Hype war am Peak. Die Erwartungen ebenfalls. Und was folgt meist nach dem Hype?

Die Ernüchterung

Den ersten Aufschrei gab es dadurch, dass die Rekordfinanzierung am Ende doch nicht ausreichte, um das Spiel im geplanten Zeitraum fertig zu bekommen und so teilte man es in zwei Teile. Im Januar 2014 erschien Akt 1. Die Tests waren eher durchschnittlich. Die alten Adventure-Veteranen waren enttäuscht, da das Gameplay casualisiert wurde und herausfordernde Rätsel gänzlich fehlten. Dazu der Cliffhanger.

Im April 2015 erschien Akt 2. Das habe ich medial bereits nicht mehr mitbekommen.

Da ich nun also noch einmal weit über ein Jahr gebraucht, um Broken Age zu spielen, fielen bei mir die übergroßen Erwartungen und der Cliffhanger weg.

Die Geschichte

Wie das Cover bereits andeutet, erzählt Broken Age eine Geschichte über zwei Teenager, die mit den Problemen der sie umgebenden Welt zu kämpfen haben. Shay fliegt seit frühster Kindheit in einem Raumschiff durch das All und wird von diversen Computern und Systemen betreut, behütet, überwacht und bei Laune gehalten, was zunehmend schwieriger wird, bis er schließlich versucht, aus der langweiligen Routine auszubrechen.

Vella hat es ungleich schwerer. Sie muss sich ihrem Schicksal stellen, als Maid und älteste Tochter der Familie einem gefräßigen Monster geopfert werden zu müssen, das alle paar Jahre auftaucht und das Dorf bedroht. Außer Vella haben sich alle damit abgefunden, dass das Monster nur durch Opferung der ältesten Töchter besänftigt werden kann. Warum etwas ändern oder hinterfragen? Schließlich hat es sich bewährt und wurde doch immer so gemacht! Und somit muss auch Vella einen Weg finden, aus ihrer vorgegebenen Rolle auszubrechen.

Die beiden Handlungsstränge verlaufen parallel und der Spieler kann jederzeit zwischen beiden wechseln. Gegenseitig beeinflussen können sie sich allerdings nicht, ebenso wenig erfolgt ein Austausch von Gegenständen wie beispielsweise bei DOTT.

 

Art-Design & Gameplay

Wo wir grad bei DOTT sind: Wie sind die Rätsel? Können diese mit den schrägen Zeitreise-Rätseln mithalten? Definitiv nicht. Besonders im ersten Akt werden alte Veteranen, die sich einst ohne Internet und über drei Ecken gedacht monatelang durch die Rätselketten gekämpft haben, nur müde lächeln. Man weiß stets, was als nächstes zu tun ist. Meist genügt es linear von A nach B zu laufen und alles anzuklicken. Ab Akt 2 zieht der Schwierigkeitsgrad dann aber deutlich an und es gibt sogar ein paar Rätselketten und Passagen, die man öfter wiederholen muss.

Das 2D Art-Design ist ungewöhnlich aber großartig. Durch Farbwahl und Helligkeit wird die Stimmung sehr passend erzeugt. Die gemalten, farbenprächtigen Schauplätze sind dazu mit leicht groben Pinsel geschwungen und könnten direkt aus einem Kinderbuch entsprungen sein. Die Charaktere sind im gleichen Stil gehalten. Dazu kommt: Sie sind groß. Ungewöhnlich groß, in vielen Szenen fast raumfüllend. Auch das passt sehr sehr gut zu dem gewählten Kinderbuch-Illustrations-Look. Die Animationen fallen qualitativ nicht ab und sorgen oft für humorige Momente.

Auch klangtechnisch bietet Broken Age einiges. Der orchestrale Soundtrack untermalt die Szenen je nach Bedarf mal bombastisch, mal dynamisch, mal zurückhaltend. Der Cast der Sprecher für die englische Version wartet gar mit Kalibern wie Elijah Wood, Jack Black und Wil Wheaton auf, die deutsche Syncho fällt auch nicht negativ auf.

Die gesamte Produktion hat eine enorm hohe Qualität und es ist immer sichtbar, wohin die 3 Mio Dollar geflossen sind. Man kann nur vermuten, dass der finanzielle Druck bei den Design-Entscheidungen bezüglich Steuerung und Rätsel mit gewirkt hat. Den die Rätsel sind besonders im ersten Akt sehr leicht und in Kombination mit der Ein-Klick-Steuerung werde ich das Gefühl nicht los, dass hier gezielt auf den Casual-Markt geschielt wurde, um die noch nötige Finanzierung für den Abschluss von Akt 2 einzusammeln. Und so hat man dann eben nur eine handvoll Items im Inventar und so erledigt man eben oft nur Botengänge und dann fehlt eben die Möglichkeit, Objekte zu untersuchen und von den Charakteren Details und Meinungen zur Spielwelt zu erfahren. Leider bleibt somit ein Stück Atmosphäre und Charakterentwicklung auf der Strecke.

Was bleibt

Ich wollte Broken Age wirklich mögen. Es macht dafür auch vieles richtig. Das Art-Design und die Produktion sind vom Feinsten, es sieht wunderschön aus, die Szenen sind toll aufgebaut und sprühen vor Ideen, das Tempo ist hoch, selbst die Story über das Erwachsen werden und das damit verbundene Verändern von Standpunkten und Sichtweisen ist grundsätzlich ok.

Doch es packt mich nicht.

Die Charaktere bleiben sonderbar blass und austauschbar, ihre Motive oft im Dunkeln. Keiner bleibt wirklich im Gedächtnis. Da fehlen selbst Shay und Vella die feinen Nuancen und die kleinen Reaktionen, die beispielsweise die Charaktere der Wadjed Eye Adventure aufweisen und so nahbar machen. Ebenso verhält es sich mit den Dialogen. Es wird viel geredet aber den Gesprächen fehlen die besonderen Momente, die hängen bleiben.

Man, es ist ein Comic Adventure in einer Fantasiewelt, könnte man sagen. Erwarte doch kein Charakterdrama mit philosophischem Tiefgang!

Das stimmt.

Und doch … .

Im Vergleich des neuen Schafer-Adventure mit den alten Schafer-Adventure – und das ist sicher erlaubt – fällt Broken Age deutlich ab. Auch Grim Fandango spielte in einer comic-haften Fantasiewelt, schafte es jedoch einen durch das Noir-Setting und der dem Stil entsprechenden Charaktere deutlich tiefer in die Spielwelt zu ziehen. Wenn man allein bedenkt, was Manny Calervera trotz seines reduzierten 3D-Modells und Strich-Augen durch Gestiken und Worte auszudrücken vermochte. Oder Ben, der grimmige Outlaw in Full Thottle, der keinen Zweifel an seiner Meinung und seinen Motiven zu ließ. Selbst die schrägen aber klischeehaften Figuren in DOTT ließen durch jeweils eigene Kommentare erkennen, wer sie sind und was sie bewegt. Jede einzelne Figur aus Full Throttle, DOTT oder Grim Fandango hatte mehr Stil, Haltung und Schnitt als alle Figuren in Broken Age zusammen.

Ich bin nicht sicher, ob es nur das war oder ob ich einfach zu alt bin. Und so klickte ich mich gelangweilt wie Shay selbst durch den ersten Akt und wartete darauf, das etwas passiert. Erst mit dem Ende von Teil 1 und dem Beginn von Akt 2 wurde es besser, da sich durch eine Wendung ein „Aha“-Moment und so etwas wie Spannung einstellte. Leider wurde die Geschichte dann recht früh aufgelöst und so plätscherte das Spiel durch recyelte Räume und zum Teil auch Rätsel seinem Ende entgegen.

Pro
 Production Values
Besonders die Grafik ist wunderschön
komplett deutsch

Con
 Blasse Charaktere
Sehr leicht
Akt 1 gänzlich ohne Herausforderungen
Casualisiertes Gamplay

Weitere Infos

Entwickler: Double Fine
Veröffentlicht am: 28.01.2014 (Akt 1)
Plattformen: Steam, Android, iOS
Offizielle Seite: Link
Spieldauer: ca. 10-12 Stunden




Quellen:

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