The Beginner’s Guide

Wer hat die Deutungshoheit über ein Werk? Darf der Betrachter es umdeuten oder gar verändern? Kann man über das Werk auf das Befinden des Autors schließen? Oder ist jede Deutung sowieso nur eine Projektion des eigenen Befindens? Diese und viele weitere Fragen, übertragen auf die Spielebranche, stellt mir das narrativen und sehr verkopfte The Beginner’s Guide. Antworten muss ich mir selbst deuten.

Ohne Kenntnisse der Vorgeschichte des Autors des Spiels oder eigene Erfahrung im Erstellen und dem Ausstellen von Werken in der Öffentlichkeit, sei es ein Gemälde, ein Buch oder eben ein Computerspiel, hat man es vermutlich schwer mit The Beginner’s Guide. Also fangen wir vorn an.

Vorgeschichte

Davey Wreden ist der Designer des von der Kritik hochgelobten Spiels The Stanley Parable. Das Spiel war ursprünglich eine frei erhältliche Mod für Half-Life 2, die innerhalb von zwei Wochen 90000 mal heruntergeladen wurde und bei Spielern wie Journalisten für Furore gesorgt hatte. Der Entwickler William Pugh kontaktierte Wreden kurz nach der Veröffentlichung, um ihm seine Hilfe für die Verbesserung der Mod anzubieten. Obwohl ursprünglich geplant war, das Original 1:1 nachzubauen, führten Diskussionen mit Pugh dazu, dass sie sich entschlossen, das bestehende Material zu verändern und neues Material hinzuzufügen, um eine Interpolation als neues, eigenständiges Werk zu veröffentlichen.

Das Spiel

Worum geht es im Spiel? Der Erzähler Wreden nimmt uns mit auf eine chronologische Reise durch die Computerspiele des Entwicklers Coda, den er auf einem GameJam 2009 getroffen hat. Dabei handelt es sich meist nur um Prototypen und abstrakte Ideen für Spielmechaniken, die halb-fertig und vergessen in einem Ordner liegen und nacheinander von Wreden untersucht und kommentiert werden.

Die Spiele verändern sich mit zunehmender Zeit. Zum einen qualitativ durch hinzugelernte Skills des Entwicklers aber auch in der Länge der Entwicklungszeit und Grundton der Spieles. So werden diese zunehmend düsterer und handeln vermehrt von Gefängnissen, Isolation und gestörter Kommunikation. Ab diesem Zeitpunkt deutet der Erzähler nicht mehr nur die Spiele, sondern auch den Menschen dahinter und erkennt vermeintliche Probleme. Als Therapie verändert er die Spiele dahingehen, dass sie spielbarer und zugänglicher werden und zeigt sie ungefragt einem Publikum. Uns.

Deutung

Wie schon The Stanley Parabel spielt The Beginner’s Guide durch die Einführung eines Erzählers mit doppeltem Boden und ist das perfekte Spiel für eigene Interpretationen, für die es bewusst viel Raum lässt.

Ob als Kommentar zur Spielebranche mit Druck und Erwartungen, als Gegenüberstellung des Verhältnisses zwischen Entwicklern und Publikum, als autobiografische Therapie des echten Wreden, als Blick auf das Urheberrecht in Zeiten von Copy & Paste, als Frage, ob ein verändertes Werk ein neues Werk darstellt, als Anwendung des Prinzips „Der Tod des Autors“ auf ein Spiel oder als großer, lachender Finger, der auf mich zeigt, während ich versuche das Spiel zu rezensieren und natürlich mit der Vorgeschichte und der Deutung des Herrn Wreden begonnen habe.

Jeder wird The Beginner’s Guide anders erleben. Ob man es mag oder ob man nichts damit anfangen kann, liegt ganz allein bei den Vorlieben und Interessen des Spielers. Man kann das Spiel nicht spielen, ohne etwas über sich selbst zu erfahren. Genauso wenig kann ich über das Spiel schreiben, ohne auch etwas von mir selbst preisgeben zu müssen.


Pro
 Intelligentes Spielexperiment
 Mehr Kunst als Spiel
 Große Interpretationsmöglichkeit

Con
 Weniger Spiel, mehr Kunst
 Nur in englisch

Weitere Infos

Entwickler: Galactic Cafe
Veröffentlicht am: 01.10.2015
Plattform: Steam, Humble
Offizielle Seite: Link
Spieldauer: ca. 2-3 Stunden
Sprache: nur englisch

 

Fazit

The Beginner’s Guide ist ein intelligentes Experiment. Sehr geschickt steuert mich der Erzähler durch die Spiel eines fremden Entwicklers, lässt mich in die versteckten Bereiche schauen und ändert meine Wahrnehmung. The Beginner’s Guide ist mehr Kunstwerk als Spiel. Man kann es anschauen, interpretieren, man kann es mögen, man kann es ablehnen.
Nur rezensieren und bewerten kann man es schlecht, will man nicht selbst in die Falle tappen.
Ein außergewöhnliches Spielerlebnis.

 



Quellen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.